2020, Blog

Das Bauchgefühl

Es kommt öfter vor, dass ich Anfragen erhalte Software oder Technik zu testen. Das mache ich aber kaum, weil leider sehr oft das Testangebot ein Fake ist. Der Artikel ist bereits fertig und man fragt nur noch wie hoch die Vergütung für einen Backlink im Artikel ist. „So haben Sie als Blogbetreiber natürlich sehr wenig Arbeit, aber hohen Gewinn.

Das mag ich nicht. Das mache ich nicht.

Dann kommen ab und zu Anfragen ob ich nicht einen Gastartikel veröffentlichen würde. Doch, das mache ich. Ich bin sogar interessiert daran. Aber auch da gibt es Hürden. Einmal muss das Thema schon passen und zum Zweiten muss der Autor für den Leser identifizierbar sein.

Bedauerlicherweise kommen derartige Angebote oft von Werbeagenturen oder Ghostwriting-Agenturen. Der Autor ist in der Regel unbekannt und ein falscher Name wird angegeben. Wenn doch ein Profil bspw. in einem sozialen Netzwerk existiert, dann besteht es auch nur aus dem Namen und sichtbar keinem Inhalt.

Das mag ich nicht. Echte Menschen sind mir lieber. Ich verstehe auch die Intension dahinter nicht. Vor allem, wenn Artikel gar keinen Rücklink besitzen. Einfach so. Falscher Name, vielleicht guter Artikel, aber nicht durchschaubar. Warum? Erklärt mir das bitte!

Doch diese Angebote werden besser.

Vor einigen Wochen erhielt ich eine Anfrage. Mitten in der Corona Zeit. Eine Junge Frau wollte sich bei kowabit.de bewerben. Erstmal schnucklig, weil ich gar keine Angestellten habe und nicht leisten kann. Also, wenn Ihr endlich mal Millionen überweist, ist das kein Problem. Wirklich! Aber momentan eben nicht. 🙂

Also habe ich diesen dezenten Hinweis gegeben, aber angeboten, dass ein Gastbeitrag mit Rücklink und gerne mit Spendenlink erfolgen kann. Für viele Menschen war das letzte halbe Jahr durchaus eine Herausforderung. Ich helfe im Rahmen meiner Möglichkeiten gerne.

So dauerte es nicht lange und ich bekam einen Text. Der Text handelte von Social Scoring in den USA mit Vergleich zu China und hätte super gepasst. Er war aus meiner semiprofessionellen Sicht nicht ganz perfekt, aber ich hätte ihn verwerten können.
Also einige Vorschläge und Verbesserungen und Streichungen durchgeführt und … kurz gewartet.

Fast hätte ich den Backgroundcheck vergessen. Den Check der Autorin.

Den Namen gegooglt. Nichts gefunden außer den Infos, die auch in der ersten E-Mail standen. Zusätzlich ein paar Ergebnisse mit Veröffentlichungen. Sogenannte Leserbeiträge.
In der ersten E-Mail hatte die Autorin verschiedene Links mitgesendet. Einmal ein Profil bei XING. Die Autorin ist offiziell sehr jung, hübsches Foto, nur ein Eintrag im Werdegang. Eine Universität seit 2018.

Okay. Wer so jung ist, da geht nicht viel in den XING-Lebenslauf rein.

Ein weiteres Profil ist ein Autorenprofil mit Foto beim FREITAG. Auf freitag.de könnt Ihr Euch Profile anlegen und als Community-Autor Artikel schreiben und veröffentlichen. Ich glaube sogar, dass gute Artikel auch entlohnt werden und beim Freitag besser gelistet werden.

Auf freitag.de veröffentlichte die Autorin einige Artikel. Es gab sogar Leserkommentare und Antworten der Autorin. Alles irgendwie okay. Aber es grummelte bei mir. Die Artikel waren alle ähnlich im Aufbau. Das ist erstmal nicht schlimm, aber es fehlte der Kick, der kleine Tropfen, um einen guten Artikel noch besser zu machen. Die Themen waren jetzt nicht unbedingt schlecht oder oberflächlich. Sie waren speziell. Aber irgendwas stimmte nicht. Es war wie dieses Gefühl, als wenn man mit etwas fertig ist, aber doch nicht fertig ist. Und wer kowabit.de liest, erinnert sich vielleicht, dass ich selbst mal ein Experiment mit automatisch generierten Artikeln gemacht habe. Ist laaaange her. Und so kamen mir die Artikel vor.

Ein weiteres Profil fand sich auf dem Portal editionf.com. Ohne Foto, auch mit Community-Character. Editionf.com überarbeitet scheinbar Artikel. Aber hey, sie hat es da rein geschafft.

Warum auch nicht? Ich könnte ihren Artikel auch verwerten.

Trotzdem sagte der Bauch, dass da etwas nicht stimmt.

Nun blieb nur noch ihr Foto und die Fotos aus den verschiedenen Profilen.

Doch wie prüft man Fotos? Wie findet man heraus wer hinter einem Foto stecken könnte? Ich bin ja nicht Clearview und arbeite mit Geheimdiensten zusammen. Also ich würde es Euch nicht sagen und stets überzeugend abstreiten. Wasserfestes Dementieren. Aber lassen wir das.

Wie prüft jeder von uns jetzt ein Foto? Nun, das ist leicht. Google. Der größte Datenkrake weiß einfach alles. Und sollte Google mal nicht erfolgreich sein, bietet sich auch die Suchmaschine Bing an.

Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass das was ich Euch jetzt schreibe kaum jemand kennt. Also aus meinem beruflichen Umfeld schon, aber der normale Nutzer eher nicht. Unbekannt ist es aber nicht.

Ich öffne also eine Google-Suche. Wechsle zur Bilder-Suche. Verkleinere das Fenster und ziehe mit der Maus das auf dem Desktop abgelegte Bild in das Suchfeld der Google-Suchmaschine. Fertig.

Google sucht in seiner Datenbank jetzt alles was es zu dem Bild zu sagen hat.

Nichts. „Girl“ war die Antwort. Vergleichbare Bilder wurden angezeigt.

Aber es gibt bei Fakeprofilen etwas, was nicht unbekannt ist. Gespiegelte Bilder.

Also die Bilder der Autorin gespiegelt. Auch die, die in XING und auf freitag.de genutzt wurden.

Und Peng.

Das Bild stammt von einer polnischen Fotoagentur. Aus einer Bilderserie die auf Stockfoto-Portalen gekauft werden können.

Das Bauchgefühl hat nicht getäuscht. Stellt Euch mal vor ich veröffentliche ein Bild, dass ich nicht lizenziert habe. Das kann teuer werden. Auch, wenn es nur ein Ausschnitt aus einem Vorschaubild ist.

Natürlich ist jetzt noch die Möglichkeit da, dass die Autorin zufällig Motiv für eine polnische Agentur ist. Aber auch dann darf das Foto von Ihr oder mir nicht einfach so verwendet werden. Und einige der Bilder der Agentur und der jungen Frau werden von einigen Kunden genutzt. Läuft also. Kann man alles mit einer Bildersuche herausfinden.

Man könnte auch vermuten, dass die polnische Agentur gerne durch Abmahnungen Geld verdienen will. Tatsächlich wäre das der einzige Grund für so eine Aktion, wenn man Böses unterstellen möchte. Der Artikel für kowabit.de bewirbt kein Produkt im deutschsprachigen Raum, hat keinen Backlink und das Autorenprofil mit diversen Veröffentlichungen ist harmlos. Eine Bezahlung bekommt die Autorin auch nicht. Nur ich habe ein Problem, da ich ein Foto nutze, das nicht der Autorin gehört. Aber irgendwie überzeugt mich das nicht.

Oder hat Sie Angst Ihr wahres Bild zu zeigen? Ist Sie gar ein Er? Oder existiert Sie nicht und ist ein Test, ob man automatisch generierte Artikel in Medien unterbringen kann, ohne dass jemand merkt, dass der Autor bzw. die Autorin gar kein Mensch ist? Wäre sicher ein spannendes Experiment. Eine ähnliche Aktion hat bereits stattgefunden. Gar nicht mal so abwegig.

Also, was mache ich? Ich bewerte Ihren Artikel, geben Anregungen, Hinweise und stelle noch Fragen, aber abschließend frage ich in meiner E-Mail warum das gespiegelte Foto einer Stockfotoagentur genutzt wird. Das gefährdet nämlich meinen Blog aufgrund eines möglichen Urheberrechtsverstoßes. Und das wäre doof. Es kostet auch Vertrauen, wenn es herauskommt. Vor allem, wenn die Autorin nicht existiert. Und natürlich ist das auch keine vertrauensbildende Aktion.

Eine Antwort ist natürlich auch Wochen danach nicht gekommen.

Über die Aktion kann ich nur rätseln. Auf alle Fälle gibt es Gastbeiträge auf kowabit.de nur noch nach Videochat und viel mehr Infos über die Autoren. Vermutlich wird die 100% Ablehnungsquote der letzten Jahre dadurch nicht geringer. Im selben Atemzug möchte ich gar nicht wissen, wie hoch der Anteil von Veröffentlichungen auf Webseiten ist, die durch nicht existierende Autoren eingereicht werden.

So etwas untergräbt Vertrauen in Medien, unabhängig davon, dass das Vertrauen der Medien in die Gastautoren ebenfalls missbraucht wird.

Anfragen bei editionf.com, freitag.de und der polnischen Agentur mache ich nicht. Ich verlinke auch nichts von den Profilen. Falls hier jemand mitliest, können die Damen und Herren ja fragen. Ich beobachte es einfach weiter. Die Profile, den Namen, weitere Veröffentlichungen. Vielleicht kommt ja noch eine ganz andere Story am Ende heraus.

Und wenn nicht, dann wisst Ihr jetzt wenigstens wie man richtige Bilder in Google und Bing sucht. Für negative Überraschungen tragt ihr jedoch selbst die Verantwortung.

 

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